SCHILDAs Osterparabel

Liebe Eltern, dies ist eine Parabel, die vermehrt an Sie gerichtet ist. Zum einen, weil Kinder mehr sehen und begreifen, als Erwachsene meinen. Zum anderen, weil Kinder noch sehr verbunden sind mit ihrem wahren Wesenskern. Damit das auch so bleibt, müssen sie im Leben Vorbilder haben – so können sie sicher sein, dass es möglich und erfüllend ist sich selbst treu zu sein.

„Natürlich wissen wir alle, dass der Osterhase die Eier bringt, er färbt sie in seiner Osterhasenwerkstatt und legt sie uns dann in ein Versteck, manchmal packt er noch etwas Schokolade dazu oder auch das eine oder andere Geschenk. Meister Lampe, wie der Hase auch genannt wird, ist zu Ostern sehr beschäftigt. In der christlichen Tradition ist Ostern das höchste Fest, weil Christus, das Licht der Welt, aufersteht und uns so erlöst. In anderen, älteren Traditionen, hat insbesondere das Ei eine sehr interessante Bedeutung als ein uraltes Fruchtbarkeitssymbol, Ursymbol des Lebens, des Seins und Werdens. Andererseits bedeuten gekochte Eier in vielen Kulturen „verhindertes Leben“ und sind Zeichen der Trauer und Klage.“

„Ach, Schilda,“ sagte Engelchen und gähnte, wie nur Engel das können, „das ist doch langweilig. Wieso erzählst Du mir das?“ Schilda lächelte ihr weltberühmtes, verschmitztes Honigkuchenpferdlächeln. „Weil bald Ostern ist.“ „Und da fällt Dir nichts Besseres ein? Wenn das so ist, dann gehe ich nun zu den Einhörnern, Du scheinst heute Deinen Humor noch nicht ausgepackt zu haben!“ Engelchen wollte sich eben wegbeamen, als es sah, wie Schilda sich zerkugelte – sie schüttete sich aus vor Lachen, so sehr, dass eine kunterbunte Ostereierträne über ihr pausbäckiges Schildkrötengesicht kullerte.

„Du hast mich auf den Arm genommen!“ Engelchen empörte sich sehr – und fing dann ebenfalls an zu lachen. In eben dieser Position kam Freygard hinzu, der edle Führer der Einhörner, die, wie wir alle wissen, dank der erfolgreichen Arbeit von Schilda und Engelchen nun endlich wieder auf der Erde wandelten. (Wer es nicht weiß und neigierig ist, hier drin steht die Lösung>>>)

„Schön, euch so fröhlich zu sehen!“ „Freygard, Du kommst genau zur rechten Zeit. Ich wollte Engelchen eben vom Wunder der Ostereier erzählen.“

„Lass hören, liebe Glücksschildkröte!“

„Vor langer Zeit, als die Menschen noch wussten, was das Licht ist, haben sie sich an eine Geschichte erinnert, die noch viel älter ist. Eine Geschichte so alt, dass nicht einmal mehr die Tiere, ja nicht einmal mehr die allwissenden Schildkröten wissen, woher sie stammt. Zu jener Zeit begab es sich, dass ein mächtiger Magier ausschwärmte, um seine Kraft noch mehr zu steigern. Er wollte dem Licht noch besser dienen können und spürte tief in seinem Herzen, dass er neue Wege beschreiten musste. Er zog von zu Hause fort, alleine, ohne Freunde, Begleiter, ja sogar ohne seine Lichtwesen – er wollte alleine sein, wenn er sich den noch unbekannten Abenteuern und Herausforderungen stellen würde. Er ritt neun Tage und Nächte, er passierte die Berge des Nordens und die Wasser der sieben Winde. Es war am 10. Tag, als er die Ebene am Ende der Welt betrat, die Ebene, die noch Teil der Welt ist und trotzdem nicht mehr zu ihr gehört. Eine Zwischenwelt, in der alles möglich ist. Es war ganz still. Nichts bewegte sich, nichts geschah. Der mächtige Magier wartete und harrte der Prüfungen, die seiner Ansicht nach kommen sollten. Er wartete, und in Menschenzeit gerechnet vergingen viele Monde, doch nichts geschah. Er setzte sich hin – und sprach mit dem einzigen Begleiter, der nie, wirklich nie von seiner Seite weichen würde – noch könnte, denn es ist ein kosmisches Gesetz, dass der Schutzengel immer bei seinem Schutzbefohlenen ist.

,Selana, was geschieht hier?‘
Selana lächelte. ,Nichts geschieht‘
,Aber wieso, ich war sicher, dass ich mich hier den großen Prüfungen stellen müsste, harte Kämpfe austragen und mich dunklen Mächten stellen würde. Doch nichts geschieht. Wie soll ich meine Macht vergrößern, wenn doch keine Prüfung mehr auf mich wartet?‘
,Mein Lieber, die größte Prüfung liegt hier vor Dir, doch Du willst sie nicht sehen. Nur weil sie anders ist, als Du sie erwartet hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gäbe. Du hast Dich in vielen Schlachten bewährt. Deine Macht ist größer als die anderer Menschen, Du bist der mächtigste aller Magier.‘
,Aber wozu?!‘
,Siehst Du, das ist es.‘

Der Magier verstand nicht – oder zumindest nicht gleich. Er setzte sich hin, sah sich auf der Ebene der unendlichen Möglichkeiten um. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte. Wohin sollte er seine Schritte richten? Welche Pfade sollte er beschreiten? Wo wäre wohl der nächste Kampf? Wen sollte …?!

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie dumm er doch gewesen war, wie blind!

Ja, er hatte gekämpft. Er hatte viele Prüfungen gemeistert. Sich aus der großen Not und den Zwängen des Seins befreit. Er hatte viel Wissen erworben und immer getan, gekämpft und weitergemacht. Nun hatte er alle Möglichkeiten – doch er wusste nicht, wohin. Über den Kampf hatte er vergessen, wofür er gekämpft hatte.

,Alle Möglichkeiten sind nichts wert, wenn es kein Ziel gibt. Das ist die größte Prüfung, denn sie musst Du allein bestehen. Niemand kann Dein Leben für Dich ausrichten, niemand es für Dich schmieden. Dabei ist es das, was das Allerwichtigste ist: jeder ist seines Glückes Schmied. Egal, wie viel Du tust, wenn Du das Ziel nicht kennst, kannst Du auch nicht ankommen.‘

Da kniete der Magier nieder und dankte der Göttin und den Lichtwesen für diese Erkenntnis. Er bat darum, dass Sie ihm eine Erinnerung mitgeben möge: an die unendlichen Möglichkeiten und den innersten Kern.

„Was haben Sie ihm mitgegeben? Osterhasen?“ Engelchen, dessen goldene Flügel leuchteten, konnte es wieder einmal nicht erwarten. Schilda baute die Spannung so hoch, dass Engelchen fürchtete, es würde den Gipfel nicht mehr erreichen, ohne davor zu platzen.

Schilda lächelte wieder „Nun, eines der Geschenke erleben wir jeden Tag, sogar zweimal. Zwei Momente sollen uns daran erinnern, dass unsere Möglichkeiten endlos sind, das alles, wirklich alles, möglich ist. In den Momenten, in denen es weder Tag noch Nacht ist, in denen keine Gegensätze existieren und doch alle Möglichkeiten vorhanden sind, in den Momenten der Morgen und Abenddämmerung, da sollen wir uns besinnen. Und unsere Möglichkeiten, die grenzenlose Freiheit spüren.“

„Dieses Paradoxon der nichtexistenten Gegensätze ist nicht leicht zu begreifen,“ warf Freygard ein „und vielleicht sind die Zeiten der Dämmerung deswegen begrenzt. Aber auch diese Grenze ist nur scheinbar.“ Engelchen rauchte der Kopf – kleine Rauchwölckchen stiegen über seiner Schädeldecke auf: drei mal schnell, drei mal langsam, dann wieder dreimal schnell. „Sieh doch, Schilda, Engelchen funkt S-O-S!“ „Ja, Du hast es verstanden, Engelchen! Wenn wir unsere Möglichkeiten spüren und es schaffen, uns aus unseren selbstgesteckten Grenzen zu befreien, dann werden unsere Seelen gerettet. S-O-S, save our souls, also rette unsere Seelen, ist ein Hilferuf, den wir auch an uns sebst richten können.“ Engelchen war immer noch verwirrt: „Aber was hat das mit Ostern zu tun?“

„Ostereier sind das zweite Geschenk, das dem Magier mitgegeben wurde, denn Ostereier sind den Menschen nicht unähnlich: sie sind bunt, keines gleicht dem anderen und sie werden schnell schlecht, wenn man sie nicht isst.  Menschen, die nie ihren wahren Kern entdecken, die ihre Schale nicht durchbrechen, können nicht erblühen. So wie ein Vogel aus seinem Ei schlüpfen muss, und ein Osterei aus seinem Zwang befreit werden muss, muss auch ein Mensch sich befreien. Wenn er aus den unbegrenzten Möglichkeiten jene wählt, die ihm entsprechen, wird er erfüllt und glücklich Leben. Es lohnt sich, das Leben in die Hand zu nehmen. Nachdenken, Ziel formulieren und darauf hinarbeiten. Ganz einfach: ich will ein Osterei, ich knacke die Schale und esse es auf!“ Schilda lächelte, und auch Engelchen lächelte, denn es hatte verstanden. Es dachte an Anna und an Gustav Gierda, auch diese beiden hatten verstanden. Und Engelchen hoffte, dass noch viele Menschen dem Beispiel von Anna und Gustav folgen würde, denn … doch das ist ein andere Geschichte.