ENGELCHENS WEIHNACHTSGESCHICHTE (hier als pdf)

Und Engelchen erzählt:

Vor gar nicht allzu langer Zeit begab es sich, dass ich – ausnahmsweise ohne die zauberhafte Glücksschildkröte – auf dem Weg war. An einem schönen Plätzchen mit heller, sanft-grüner Wiese machte ich Rast. Unbeobachtet von jenen, die dort saßen, lauschte ich einem Gespräch:

,Oma, wieso feiern wir Weihnachten?‘ ,Nun, das will ich Dir gerne erzählen. Als die Welt nicht mehr ganz jung war, ging ein blonder Junge, der dafür noch viel zu jung war, allein, ohne Eltern, große Brüder oder jemanden, der ihm hätte helfen können, in den Wald.

Er war voller Zuversicht – und voller Neugier, getrieben von dem tiefen und unschuldigen Wunsch, seinen Liebsten etwas Schönes aus dem Wald zu bringen. Vielleicht ein Schutzzeichen aus Birke? Oder ein Geschenk vom zauberhaften Hollunder? Oder Nüsse?!

So stapfte er über das feuchte, teils gefrorene Moos, durch das Dickicht und wanderte, wohin seine Neugierde ihn lenkte.

Er war so fasziniert von den lebendigen Bildern, die sich ihm boten, von den intensiven, kühlen Gerüchen, die seine Nase verführten und von den zahlreichen Geräuschen, die leise knackend oder sanft wie rieselnder Schnee oder durchdringend wie der Schrei einer Krähe als schillernde Klangbilder seine Ohren erreichten, dass er nicht bemerkte, dass es später wurde. Er bemerkte nicht, wie sich langsam, aber sicher die Dunkelheit schwer über den Wald zu legen begann wie ein nachtblauer, samtig-schwerer Teppich – weil die Sonne im Westen unterging und alles Licht sich dorthin zurückzog um schlafen zu gehen. Als ihm klar wurde, wie spät es geworden war, versuchte er so rasch als möglich nach Hause zu finden. Er lief so schnell er konnte und solange er die letzten Lichtfäden noch als Wegweiser in die heimelige, warme Stube seines zu Hauses nehmen konnte. Den Blick ängstlich nach oben gerichtet, mit dem Geist schon zu Hause, sauste er durch den Wald und sah nicht die wuchtige, knorrige Wurzel einer mächtigen, uralten Eiche mit dem Namen Yggdrasil. Er stolperte und fiel – in ein Loch in der Zeit – oder ein besonderes Portal in eine andere, ihm fremde Welt, die ihn aber nicht ängstigte. Der Junge fühlte sich warm und gut aufgehoben. Eben war er dabei sich von seinem staubigen Hosenboden, auf den er gefallen war, zu erheben, als ihn aus einem Gesicht mit breiten Nüstern, intensiven, rot-türkisen Augen und einem breiten Maul mit riesigen , spitzen Eckzähne mit tiefer, freundlicher Stimme die Frage gestellt wurde:

,Wer bist Du denn, junger Mann und welch erfreulicher Wink führt Dich zu uns nach Axaville?‘

,Ich heiße Jonathan und weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin.‘

,Und wer bist Du, Jonathan?‘

,Ich bin der Sohn meiner Eltern, auf der Suche, ihnen etwas Schönes aus dem Walde zu bringen. Und dann fiel ich hin und schwupps – war ich da. Aber eigentlich möchte ich gerne nach Hause,‘ ergänzte er traurig.

,Eine sehr umfassende Antwort, sehr bewußt. Das gefällt mir. Komm, gehen wir ein Stück – ich lade Dich ein mir zu folgen, nur ein kleines Stück, ich bereite Dir ein wärmendes Mahl und danach, danach bringe ich Dich nach Hause.‘

,Wie heißt Du?‘

,Wotan. Und ich bin ein Drache, König über Axaville und Botschafter zwischen den Welten.‘

Und so begab es sich, dass ein junger Mann, der weit weg von zu Hause war, und ein Drachenherrscher, der weit in den Universen und der Zeit herumgekommen war und noch viel vor hatte, gemeinsam zu Abend aßen. Und plauderten. Es kam dem Jungen nur wie ein Moment vor, obwohl sie über 24 verschiednen Themen sprachen, vieles diskutierten und beleuchteten – doch als sie ihre Suppe ausgelöffelt hatten, hatten sie alles besprochen. Und so wie Wotan es versprochen hatte, brachte er den Jungen zurück nach Hause. Über eine Brücke aus Licht ließ er ihn gleiten, direkt zurück zu seinen Liebsten. Vergiß nicht,‘ hörte er seine Stimme noch ,das Licht kehrt immer wieder!‘

Als der Junge in die Stube trat, traute seine Mutter ihren Augen nicht. Ohne Worte, aber voll der Tränen schloß sie ihr geliebtes Kind fest in ihre Arme. Als der Vater ihn sah wirbelte er ihn erleichtert durch die Luft. Ja er informierte alle Freunde, die Nachbarn und es ward ein großes Fest gefeiert. Der kleine Junge verstand nicht so recht.

,Aber Vater, warum dieses Fest?“

,Mein lieber Junge, 24 Tage lang haben wir auf Deine Rückkehr gewartet. Jeden Tag haben wir Dich gesucht, doch die Tage sind kurz. Immer länger schien uns die Nacht zu werden, immer kürzer die Stunden, an denen wir nach Dir suchen konnten. Doch nun, am 24. Tag bist Du zurückgekehrt – und es scheint, dass auch die Tage länger werden.‘

Da erzählte der Junge, was ihm widerfahren war. Und der Vater und die Dorfbewohner beschlossen, dem Drachen zu ehren jedes Jahr daran zu denken, dass das Licht zurückkehrt. So feierten Sie das erste Fest, aus dem über die Traditionen hinweg Weihnachten wurde. Auch wenn heute niemand mehr an Wotan, den Drachen denkt, so denken wir doch an das, was das Leben lebenswert macht. Die Liebe, die Hoffnung, die Freude, das Licht. Wir feiern Weihnachten, weil wir wissen, dass das Licht immer wieder kehrt – aber auch, um das Licht einzuladen. Denk ruhig an die Geschenke zu Weihnachten, freu Dich an den bunten Lichtern, der Schokolade, aber vergiß nie, dass eine Band, das uns alle eint. Lass das Licht in Dein Leben, an jedem einzelnen Tag, denn wer Weihnachten im Herzen trägt, wird immer glücklich sein.