Emil und der Drache

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In einer Welt, in der alles gut ist, finden sich immer die zwei Menschen, die sich von wahrem Herzen lieben. Manchmal aber treffen sich zwei erwachsene Menschen und haben sich richtig, richtig gern. Und dann sehen sie nicht, dass es nicht die wahre, schöne und bunte Verbindung ist, die sich zwischen zwei Herzen spannt, sondern lediglich eine etwas lahme Kopie. Das passiert, weil die Großen einfach nicht sehen, was in dieser Welt passiert.

Aber die Kinder, die wissen das sehr oft. Und weißt Du, was passiert, wenn die Kinder in ein neues Abenteuer aufbrechen? Welches Abenteuer? Das Abenteuer, wenn sie auf einmal zwei zu Hause haben, oder nur mehr einen Elternteil. Manchmal kommt es auch vor, dass Kinder ganz alleine zurückbleiben.

Dann taucht manchmal ein besonderer Freund auf, der Dir zeigt, wie wunderbar und wertvoll Du bist. Er kann das, weil er der Coolste von allen ist.

Emil ist einer dieser Jungs, der sich diesem neuen Abenteuer stellen musste. Und was für ein Abenteuer das war.

Als unser kleiner Blondschopf eines Abends in seinem Bettchen lag, war er sehr traurig. Er wollte nicht weinen, denn das machen nur Mädchen. Aber ganz konnte er es nicht verhindern, dass Tränen seine Wangen herunterkullerten.

Sein Papa und seine Mama stritten sich sehr oft, irgendwie war es nicht so wie es sein sollte. Emil wusste nicht genau, wie es sein sollte, aber das was da war, fühlte sich falsch an. Ihm taten auch oft die Ohren weh, wenn sich Mama und Papa stritten. So laut waren sie dabei – und das gesamte Haus schien unter diesem Ansturm an Wut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu leiden. Es drückte eine schwere Last auf alle – vor allem auf das kleine, zarte Kinderherz.

Wieso klappt das denn nicht? Immer streiten sie sich – und wenn sie nicht schreien, ist das auch nicht viel besser.

War er vielleicht Schuld? Konnte er etwas tun? Wie sollte er das denn machen?

Mit diesen schweren Gedanken im Kopf schlief der kleine Junge ein. Er war so ermattet, dass er sich im Traum ganz weit von seinem Körper entfernte. Er reiste durch das Weltall in diesem Traum. Vorbei an Sternen mit Ringen und vielen Monden. Es war eine lustiger, schneller Ritt auf einem bunten Regenbogen. Es machte richtig Spaß.

Auf einmal lenkte der Regenbogen zu einem schönen, grünen Planeten mit vielen Vulkanen, aus denen der Rauch aufstieg. Die Wiesen waren üppig und grün, die Sonne schien und alles schien sehr friedlich.

Der träumende Junge sah sich alles sehr genau an. Es gefiel ihm, was er sah. Am Bach konnte man tolle Schlammburgen bauen. Der Schlamm war fest genug, um ein Gebäude zu formen. Er baute dazu noch einen Burggraben und eine Brücke, damit die guten Ritter einen sicheren Weg nach Hause hatten.

Als er eine Weile am Bach gespielt hatte, wurde er hungrig. Er schaute sich um, denn auf einmal gefiel es ihm hier, so weit weg von zu Hause, gar nicht mehr so gut. Er war hungrig und noch viel zu klein, um sich selber was zu essen zu machen. Beinahe hätte er wieder zu weinen begonnen.

Enzed Dragon (C) Verena Radlingmayr „Na, junger Mann, nun mach doch nicht so ein Gesicht!“ „Wow, cool, ein Drache. Bist Du ein echter Drache, der richtig Feuer    speien kann?“ Der Drache lachte laut auf. „Ihr Kinder wollt immer nur das Feuer sehen. Ja, ich kann Feuer speien – am liebsten  zum Rösten von Marshmellows.“ „Und Du frißt mich auch nicht auf?“ „Nein, das mache ich nicht. Allerdings habe ich Angst,  dass Du mich frißt, so hungrig wie du ausschaust. Ich bin gar nicht bekömmlich. Meine Schuppen sind fest. Die kannst Du mit  Deinen Menschenzähnen nicht knacken. Und ich denke, mein Fleisch ist viel zu zäh.“ Jetzt lachte auch der kleine Junge. Wie    ulkig dieser Drache war.

„Komm, ich weiß, wo es das beste Essen auf der Welt gibt. Es ist auch gar nicht weit von hier. Da vorne in dem Vulkan, da  wohnen wir.“ „Ich darf nicht mit Fremden mitgehen.“ „Ja, da hast Du wohl recht. Dann warte Du hier und ich komme mit Essen für Dich zurück. Ich weiß, Du sollst von Fremden auch nichts annehmen. Aber das hier ist ein Traum, Dein Traum – und hier in dieser Welt bist Du heute gut beschützt.“

Emil dachte eine Weile darüber nach. Das machte schon Sinn. Im echten Leben würde er nie mit jemandem mitgehen. Nie, das hatte er seinen Eltern fest versprochen – und er hielt sein Ehrenwort immer. Aber das war ein Traum, und ein lustiger noch dazu. „Wohnst Du wirklich in einem Vulkan?“ „Ja, sicher. Wenn ein Drache einen Berg bezieht, dann erkennst Du daran, dass es aus der Öffnung raucht wie aus einem Kamin. Wenn wir ruhen, ruht auch der Berg. Und wenn wir erwachen, entscheiden wir, was wir heute machen wollen. Nur ein bißchen rösten oder richtig viel an Feuer speien. Dann bricht der Vulkan aus – und die Lava ergießt sich über alles. Es regnet Asche und Feuer. Das macht viel kaputt, kann aber auch wichtig sein. Weißt Du, manchmal ist es notwendig, dass eine Sache endet, damit eine neue, noch bessere und schönere entstehen kann.

Siehst Du, schon sind wir da. Hier im Innersten des Berges kann Dir nichts geschehen, solange ich an Deiner Seite bin.“

Emil betrachtete die wunderschöne Höhle. Es war gar nicht kalt. Nicht so wie in den Höhlen, die er kannte. Es war warm und roch ein bißchen seltsam. „Das ist der Schwefel, den Du da riechst. Das gehört nun mal zu uns dazu. So wie Schokolade und schmutzige Kleider zu kleinen Jungs.“ „Ich bin gar nicht schmutzig.“ Doch als er an sich heruntersah, musste er feststellen, dass viel von seiner Schlammburg an ihm haftete. Der Drache lachte und sagte: „Das ist schon ok. Du bist ok – ob mit Schmutz oder ohne. Bevor Du Dich setzt, wasch Dir bitte die Hände. DA vorne steht eine Schale, tauch sie einfach ein, bis sie sauber sind. Und dann werden wir Deinen hungrigen Magen füllen.“

Emil tat wie ihm geheißen und setzte sich dann an den Tisch. Der Drache hatte eine lustige Konstruktion gebaut. Drachen sind riesig, viel größer als kleine Jungs. Der Tisch, an dem er saß, war auch sehr hoch. Also gab es eine Treppe, die zu dem Hocker führte, auf dem er nun saß.

Wie bist Du denn hierher gekommen?“ „Das ist ein Traum, ich weiß es auch nicht.“ „Hier iß erst mal. Und dann erzählst Du mir, wieso Du Dich hier bei mir verkriechst.“

„Weil ich Angst habe. Alles wird neu. Ich möchte meine Mama und meinen Papa haben. Aber ich will auch nicht, dass sie immer streiten. Das tut mir weh.“ Hier im Traum konnte er ja sagen, was ihn beschäftigte.

Sein trauriges Gesicht über die Suppe gebeugt, sah er klein und zerbrechlich aus und rührte das Herz des großen Drachen an. Was Emil nicht wusste, der Drache war ein mächtiger Beschützer. Sein Name war, ist, Wotan – und er ist der Hüter zwischen den Welten, der Kindern hilft, ihren Weg nach Hause zu finden.

Der Kleine schniefte. „Was ändert sich denn nun für Dich?“ „Alles. Ich weiß gar nicht, was passieren wird.“ „Haben denn deine Eltern nicht mit Dir gesprochen?“ „Sicher haben sie das. Das machen sie oft. Und mein Papa ist der tollste Papa überhaupt.“ „Und was haben sie Dir gesagt?“ „Ach, ich weiß es nicht so genau. Vieles.“ „Es klang aber doch nicht so schlimm, richtig? Schau einmal da rauf, siehst Du da oben an der Decke?“ Wotan wollte ihm etwas besonderes zeigen. „Siehst Du die vielen bunten Sterne auf dem dunkelblauen Grund?“ „Sicher.“

„Das sind die Seelen, die darauf warten geboren zu werden. Jede einzelne dieser Lichtpünktchen wird einmal ein Mensch. Und jeder dieser Lichtpunkte ist gut behütet. Dort, wo die Sterne sich versammeln, gibt es einen wunderbaren Führer, einen Beschützer. Dieser Beschützer, der die Kinderseelen auf die Welt vorbereitet, erklärt ihnen auch, was es bedeutet zu leben, am Leben zu sein. Ein Mensch zu sein.“

„Bist Du dieser Beschützer?“ „Nein, das bin ich nicht. Aber er hat mich gebeten, Dich heute Abend hierher einzuladen. Das ist eine besondere Ehre. Nicht viele Menschen dürfen zu mir in den Vulkan kommen. Aber ich seh schon, warum Du hier bist. Du bist ein ganz besonderer junger Mann. Und wirst eines Tages ein großer Mensch werden.“

„Ich möchte kein Riese werden.“ Wotan lachte wieder – die Unschuld der Kinder bewegte ihn jedes Mal aufs Neue. „Ich spreche nicht von Körpergröße. Größe hat noch eine andere Bedeutung. Es heißt, den anderen so anzuerkennen, wie er ist – mit allen guten und schlechten Eigenschaften. Kennst Du das? Manche Freunde sind die besten Fußball-Kumpel. Bei anderen Dingen sind sie nicht so toll.“ „Ja, das weiß ich – manche möchten auch lieber lesen als zu spielen.“ Unverständnis spiegelte sich in Emils Gesicht. „Genau das. Jetzt hast Du zwei Möglichkeiten: Du machst Dich über die Leser lustig – oder akzeptierst sie wie sie sind.“ „Aber dann lachen die anderen vielleicht über mich.“ „Siehst Du, deswegen heißt es Größe – man muss schon sehr sehr tapfer sein, um zu sich zu stehen und andere Menschen, die man mag oder liebt, voll anzunehmen und wertzuschätzen. Das ist nicht leicht. Es ist dafür ein sehr schöner Weg. Das Leben dankt denen, die freundlich sind.“

Das konnte Emil verstehen. Schon oft hatte er das selber so erlebt. Wenn er sich anständig verhielt oder sehr nett zu Tieren war, dann kam irgendwo her etwas Gutes zu ihm zurück. Einmal hatte er die Ritterburg zu Weihnachten bekommen, die er sich schon immer gewünscht hatte. Und ein anderes Mal bekam er an dem Tag, wo er besonders nett zu dem nervigen rothaarigen Nachbarsmädchen war, sein Lieblingsessen zu Mittag.

„Meine Oma ist so ein Mensch,“ sagte er. „Sie ist freundlich, aber bestimmt. Sie hat immer viel und fleißig gearbeitet. Außerdem sagt sie immer, dass sie ein Glückskind ist. Sie findet immer etwas Gutes an einer Sache – und macht immer weiter. Und sie hat mir immer ein Zuhause gegeben.“ „Du hast Glück, lieber Junge – in Deiner Umgebung kannst Du Größe an mehreren Menschen sehen. Es würde mich sehr freuen, wenn Du diesen guten Menschen nacheiferst.“ „Meinst Du, ich kann das?“ „Davon bin ich überzeugt.“ Der Brustton der Überzeugung, mit dem der große, grüne Drache, dieses mächtige Wesen zu Emil sagte, dass es an ihn glaubt, machte ihn unglaublich stolz, begierig darauf, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Es erfüllte ihn mit freudigem Tatendrang, Stärke, Hoffnung – zu wissen, dass der Drache ihm Rückhalt bot war genau die Sicherheit, die der Kleine brauchte, um seine Flügel auszubreiten, neugierig darauf die Welt und ihre grenzenlosen Möglichkeiten zu entdecken.

Es war schön zu sehen, wie die Traurigkeit in den blauen Augen des Jungen langsam wich und durch sein ureigenstes Strahlen ersetzt wurde. Das war es schließlich, worum es dem Drachen ging. Die Kinderseele, das kostbarste Gut in diesem Universum, zum Strahlen und zum Blühen zu bringen. Und sie zu schützen, wo immer es ging.

„Im Leben suchen wir uns die Abenteuer aus, die wir gerne erleben möchten. Hast Du schon einmal ein Abenteuer erlebt?“ „Ja, sicher doch!“ „Und bist Du auch schon einmal auf dem Rücken eines Drachen durch die Lüfte geflogen?“ „Nein.“ „Möchtest Du es probieren?“ „Ja, aber sicher doch!“

Wotan kniete sich vor dem kleinen Jungen hin. Da er immer noch zu hoch war, ließ er * den Stuhl, auf dem der Junge saß, wachsen. Das war schon ein supertolle Sache. Wachsende Stühle! Das war wirklich cool.

„Klettere einfach auf mich und setz Dich in die Kuhle auf meinem Rücken. Keine Sorge, Du tust mir nicht weh. Gut so, und nun halt Dich an einer meiner Zacken fest. Richtig gut festhalten. Alles klar?“ „Ja!“ Und schon spannte der Drache seine mächtigen Schwingen. Jeder Flügelschlag war kraftvoll und laut. Er stieg mit dem Jungen auf seinem Rücken in der Höhle auf. Sie stiegen steil nach oben, wie ein Flugzeug beim Start. Emil musste sich richtig gut festhalten, so schnell flog der Drache steil zur Öffnung hinauf. Sie sausten durch die Öffnung und Wotan stieß einen mächtigen Freudenschrei aus. Er genoß den Flug ebenso sehr wie sein junger Passagier.

„Kannst Du Feuerspucken? Bitte?!“ Wotan ließ sich nicht zweimal bitten und spie rot-gelbe, sich züngelnde Flammen aus. Er ließ die Flammen auf den Fluß treffen, sodass warmer Dampf entstand. Und schon flogen der Drache und der Bub durch dichten Nebel – ohne etwas zu sehen.

„Wie weißt Du, dass wir nicht in einen Baum krachen?“ „Ich kenne die Strecke sehr gut – und ich würde nichts tun, was Dich gefährdet, junger Mann.“ Es fühlte sich einfach richtig an, was Wotan ihm sagte. Also entspannte er sich und beschloss Wotan, dem gütigen Drachen, zu vertrauen. Sie schossen über einen See. Mitten auf dem See war ein Piratenschiff. Die Piraten machten sich bereit, in kleinen Booten, die sie heimlich zu Wasser ließen, auf die Burg am Rande des Sees zuzusteuern.

„Siehst Du die Piraten?“ „Ja, die sehen böse aus.“ „Das sind sie auch, das hast Du gut erkannt. Toll. Diese Piraten wollen die Burg plündern. Das heißt sie wollen die Menschen dort verletzen und ihnen alles wegnehmen, was sie haben. Ihr Essen, ihre Schätze, alles, was ihnen wichtig ist.“ „Wir müssen diesen Menschen helfen!“

„Heute nicht. In vielen Schlachten habe ich die Menschen dort unterstützt, weil sie meine Hilfe brauchten. Sie waren nicht vorbereitet auf diese Gefahr. Sie mussten erst lernen, wie sie sich richtig verteidigen. Heute weiß ich, dass sie es selber können. Sie sind nun groß genug. Sie schaffen das auch ohne mich.“ „Aber es wäre doch leichter, wenn Du ihnen hilfst.“ „Sicher – es wäre leichter – und sehr bald werde ich ihnen auch wieder helfen. Jetzt ist es wichtig, dass sie erfahren, erleben, wie stark sie sind. So stärken sie ihr Selbstbewusstsein. Wenn sie heute siegen, sind sie stärker als je zuvor. Dann sind sie nicht von mir abhängig, sie wissen, was sie können. Verstehst Du?“ „Das ist wie Schuhbänder binden. Zuerst wollen alle, dass man es lernt. Und jetzt, wo ich es kann, wollen sie mir wieder helfen. Aber ich weiß ja, dass ich es kann. Ich bin ja schon groß.“

Wotan war beeindruckt von der schnellen Auffassungsgabe – wirklich ein besonderes Kind.  „Und jetzt ist es doch manchmal sehr angenehm, wenn diese Arbeit jemand für Dich macht, richtig?“ „Ja, das ist wahr.“

„Komm, ich fliege uns zu meinem Großvater. Er ist ein ganz besonderer Mann, und ich möchte, dass Du ihn kennenlernst.“ Emil sah von hoch oben hinab auf das Tal. Sie näherten sich einem dunklen Tannenwäldchen – es sah aus wie ein richtiger Zauberwald. In engen Kurven senkte sich der Drache hinab auf die Erde. Emil hob es seinen Magen, es war ein gutes Gefühl. Er lachte und freute sich. Sanft, ganz sanft, setzte Wotan auf dem Boden auf. Er hob seine rechte Vorderpfote und schnappte den kleinen süßen Jungen am T-Shirt und hob ihn zu sich nach vorne auf die Erde.

„Er erwartet uns schon.“ „Wie kann er wissen, dass wir kommen?“ „Nun, ich denke, er hat uns gehört. Und er ist ein Großvater, die wissen es irgendwie immer, dass die Enkel kommen.“ Sie gingen ein paar Schritte in den Wald – zuerst war es ganz dunkel. Dann aber lichteten sich die Baumreihen und ein sanfter Schimmer erhellte die Umgebung. Das Licht kam von bunten Lampions, die überall in den Bäumen und auf riesengroßen Fliegenpilzen hingen. Die Fliegenpilze standen im Kreis um eine Wiese mit weichem Gras und Moos.

Erst jetzt sah er, dass dies keine normalen Fliegenpilze waren. Diese hatten Fenster! Und Türen! Aus einem der Pilze trat ein alter Mann, der kaum so groß wie Emil war. Er hatte eine Knollennase, einen langen, weißen Bart und ein freundliches Lächeln im Gesicht. das gesicht hatte so viele Runzeln und Falten, dass Emil dachte: „Der muss ja mindestens 1000 Jahre alt sein.“

„Nein, ich bin erst 500, also eigentlich noch ein Jungspund.“ Verdutzt blickte Emil den Zwerg an. Der wusste ja, was er dachte.

Wotan lachte und sagte dann: „Darf ich Dir meinen Großvater vorstellen, das ist Meister Ildebar.“ Emil staunte nicht schlecht. „Das kann nicht sein, ihr beide seid doch keine Verwandten, das sieht man auf den ersten Blick.“

„Kommt erst mal herein. Oder Du, zumindest, junger Mann. Wotan wird wie immer nur seinen Kopf durch‘s Fenster stecken. Sonst würde er ja mein Heim abreißen!“ Er lachte und tätschelte sich dabei seinen Wamst.

Durch die niedrige Eingangstür traten die beiden – fünfjähriger Junge und der 500 Jahre alte Zwerg, in eine freundliche Küche . Im Herd knisterte ein Feuer und es roch angenehm nach Erde, Moos und einem Geruch, den Emil nicht benennen konnte.

„Setz Dich. Und dann gestatte mir die Frage woran Du erkennst, dass wir beide nicht Großvater und Enkel sind.“ „Du bist ein Zwerg und Wotan ist ein Drache.“ „Ja, und?“ „Ja, aber, dann könnt ihr doch nicht verwandt sein.“

„Nun, da hast Du recht. Als ich diesen Drachen da das erste Mal sah, war er noch ganz grün hinter den Ohren. Alles musste man ihm zeigen und erklären. Er dachte zwar er wüsste schon alles. Mir war sofort klar, dass dies nur jugendlicher Leichtsinn war. Oh, das Potential war groß in ihm. Aber er wusste noch nicht damit umzugehen. Er musste noch viel lernen. Aber vom ersten Augenblick an war mir klar, dass ich diesen Drachenbengel in mein Herz geschlossen hatte. Ich fühlte mich ihm verbunden, wie ein Opa seinem Enkel. Wir sind Opa und Enkel, in unseren Herzen.“

„Aber das geht doch nicht.“ „Warum denn nicht? Warum sollte ich Wotan denn nicht lieben wie mein eigenes Enkelkind. Er ist gütig, ungestüm, humorvoll, intelligent – und praktisch, wenn kein Streichholz in der Nähe ist.“ Ein vorsichtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen.

„Das Schicksal stellt uns viele Aufgaben im Leben. Wir wissen nicht, warum manche Dinge geschehen. Und vieles können wir nicht beeinflussen. Ich kann nicht beeinflussen, ob Du heute traurig bist oder fröhlich oder wütend. Oder ob Du mich magst. Ich kann lediglich versuchen Dich zu verstehen. Und ich entscheide, wie ich mit Deiner Laune umgehe. Wenn Du wütend bist, ärgere ich Dich vielleicht so lange, bist Du weinst. Wenn Du weinst, zeig ich Dir den Vogel im Himmel, um Deine Tränen zu trocknen und Dich abzulenken. Oder ich halte Dich fest in meinem Armen, weil Du Dir Geborgenheit ersehnst.

Deswegen gibt es Herzensverbindungen. Wenn das Schicksal Dir Deine Familie nimmt, versucht das Licht Dir so gut als möglich zu ersetzen, was Du verloren hast. Freunde können zu Familie werden und Dir auf Deinem Weg den Rücken stärken. Die Liebe ist immer da, man darf nie aufhören, daran zu glauben und die Augen offen zu halten.“

„Ich habe eine Nachbarin, die ist sehr lieb. Ich sage immer Tante zu ihr, meine Eltern wissen das auch. Sie finden das ok.“ „Und Du?“ „Ich mag sie, sie ist eine warmherzige, nette Frau.“ „Manchmal wissen wir Dinge – so wie Du wusstest, dass Du Wotan vertrauen kannst. Folge der Stimme Deines Herzens, sie wird Dich immer zur Wahrheit führen. Die Weisheit des Herzens ist mehr, als unser Verstand zu fassen vermag.“

„Opa, ich denke Du hast den Jungen lange genug aufgehalten. Gib ihm doch ein Stück von Deinem Schokoladenkuchen mit auf den Weg. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.“

„Die Reise wird nicht mehr so lange sein. Er ist ein guter Junge, ich denke er versteht.“

„Sag auf Wiedersehen zu Großvater Ildebar.“ „Auf Wiedersehen, Herr Ildebar. Vielen Dank für alles!“

Und so machten sich der Drache und der kleine, blonde Junge wieder auf den Weg. Sie kamen an zwei Tälern vorbei, die durch ein mächtiges Gebirge getrennt waren. Auf der einen Seite des Tales schien die Sonne auf die bunten Blumen, die ihre roten, gelben, orangefarbenen und blauen Köpfchen genussvoll in die Sonne reckten. Ein glitzelnder, kristallklarer Fluss wand sich durch das Tal und versorgte seine Bewohner, die Pflanzen und die Tiere mit Wasser. Alles wirkte quicklebendig, quirlig und sprudelnd.

Auf der anderen Seite bot sich ein sehr düsteres Bild. Das Tal lag im finsteren Schatten. Die Häuse, die es gab, waren oll mit Ruß und Schwärze überzogen. Das Land war brach und selbst hier oben auf dem Berg konnte Emil hören, wie die Bewohner, die Pflanzen und die Tiere, ja sogar die Erde selbst stöhnten.

„Was ist denn hier los? Wieso ist die eine Seite so schön und die andere so häßlich?“ „Komm, setzen wir uns hier ins Gras und lassen uns die Sonne auf den Wamst scheinen, während ich Dir die Geschichte dieser Täler erzähle.“ Der Drache ließ sich ins Gras plumpsen und löste damit ein kleines Erdbeben aus, so schwer war er. Als er auf dem Rücken lag, schnappte er sich einen Grashalm und steckte ihn sich genüßlich in den Winkel seines Mauls. Jetzt sah er eher aus wie ein Landstreicher – und überhaupt nicht mehr zum Fürchten.

Emil tat es ihm nach. Als die beiden es sich im warmen, weichen Gras gemütlich gemacht hatten, begann der Drache zu erzählen.

„Diese Täler werden von Brüdern regiert. Seit vielen JAhunderten schon. Dabei ist der Name des einen Bruders, der auf der dunklen Seite herrscht, in Vergessenheit geraten. Die Bewohner seines Tales haben so viel Angst vor ihm, dass sie nciht einmal seinen Namen aussprechen wollten. Und über die lange Zeit hinweg gab es bald niemanden mehr, der sich an seinen Namen erinnern konnte. Alles was von ihm geblieben ist, ist ein böser, böser Mann.

Das Sonnental wird von seinem Bruder Raimund regiert. Und sein Name erfüllt die Bewohner des Tals mit Freude. Wenn er sein Land bereist, wird er überall mit Freuden aufgenommen. Die Leute winken und grüßen, lachen und freuen sich, wenn sie ihn sehen. Er ist ein weiser König, voller Güte, der seine Macht einsetzt, um seinem Land zu dienen. Er hat sich vor langer Zeit Regeln gesetzt – und er hält diese Regeln immer ein. Er steht zu dem, was er sagt. Er tut, was er für richtig hält. Und er ist hart, aber gerecht.“

„Warum ist ein Bruder böse und der andere nicht?“ „Eine gute Frage, junger Schüler, eine sehr gute Frage. Beide Brüder kamen mit den gleichen Gaben zur Welt. Ihrer beiden Schicksal war offen und stand nicht geschrieben. Jeder der beiden hatte alle Möglichkeiten sich zu entscheiden – für das Gute oder das Schlechte. Nun muss man dazu sagen, diese beiden hatten es als Kinder nicht immer leicht. Ihre Eltern waren keine sehr feinen Menschen und hatten für ihre Kinder nicht viel übrig. Sie liebten sie nicht und ließen ihnen keine Fürsorge angedeihen.

Sehr bald schon zeigte sich, dass die Kinder unterschiedlich auf das Leben reagierten – weil sie es unterschiedlich wahrnahmen. Denn es trug sich zu, dass die Kinder zwar von den Eltern verstoßen waren, nicht gewollt, aber dass sie immer Menschen in der Nähe hatten, die sich kümmerten. Menschen, denen das Wohlergehen dieser Kinder nicht egal, nicht gleichgültig war. Raimund sah, dass dies eine Wohltat war und freute sich über jede Kleinigkeit, die sich ihm bot. Für seinen Bruder dagegen war es nie genug. Anstatt sich zu freuen, dass ihm jemand half, ärgerte er sich nur, dass seine Eltern ihm nicht halfen. er empörte sich über dieses rücksichtslose Verhalten so sehr, dass er irgendwann nicht mehr sehen konnte, wie viel Schönheit das Leben ihm offerierte. Er weidete sich in seinem Leid – sosehr, dass er jede helfende Hand zur Seite stieß. Niemand konnte ihn mehr erreichen. Sein Herz war erkaltet und mit seinem herzen war jede Hoffnung gestorben.

So zog die Düsternis in das Reich ein – und viele, viele Menschen müssen leiden. Sie leiden, weil ein Mensch nicht die Kraft gefunden hat das Schöne zu sehen.“

„Aber es ist doch wirklich nicht in Ordnung, dass seine Eltern so gemein waren.“ „Natürlich. Das Wohl des Kindes ist über alles andere erhaben. Niemand sollte sich anmaßen, sein eigenes Wohl über das eines Kindes zu stellen. Oft aber ist das Leben alles andere als perfekt. Dann ist es unsere Entscheidung, ob wir leiden wollen. Oder ob wir wie mächtige, starke Ritter unser Leben in die Hand nehmen.“

„Ich will lieber ein Ritter sein. Was muss ich denn dafür tun?“ „Du bist schon auf dem rechten Weg zum Ritter. Ritter lernen jeden Tag etwas Neues dazu. Sie freuen sich über die Prüfungen, die das Leben ihnen stellt. Und weißt Du auch warum?“ „Weil es cool ist, der Beste zu sein.“

„Ja, weil sie sich gerne beweisen, weil sie gerne tun, was getan werden muss. Wenn Du ein Profi-Sportler werden willst, ist Talent alleine nicht genug. Da braucht es viel Training. Das macht einen Ritter aus. Er nimmt die Bürde, die mit dem Abenteuer kommt, aus vollem Herzen an.“

„Du meinst, ich soll meine neue Situation auch als Abenteuer sehen?“ „Möchtest Du das?“

„Weißt Du, ich will schon lange nicht mehr, dass meine Eltern so weitermachen. Ich möchte, dass sie glücklich sind und finde es nicht so schlimm, wenn sie sich trennen. Es fühlt sich falsch an, wenn sie zusammen sind. Es paßt nicht. Ich habe sogar einmal zu ihnen gesagt, es ist genug. Sie sollen gehen – jeder seinen Weg, getrennt. Bin ich schuld an ihrem Leid?“

Wotan setzte sich auf und sah Emil fest in die Augen. „Hör mir gut zu, Emil. Nie, unter keinen Umständen ist ein Kind für das Glück der Eltern verantwortlich, Die Erwachsenen sind für Dich verantwortlich. Sie beschützen Dich. Sie lieben Dich. Sie sollen immer für Dich da sein. Ihr Glück liegt allein in ihren Hände. Kein Kind der Welt trägt diese Verantwortung.“

Dem kleinen Junge rollten dicke Tränen über die Wangen – aus Erleichterung und weil er langsam wirklich müde wurde. Diese abenteuerliche Reise hatte ihm gut gefallen, aber langsam wollte er wieder nach Hause.

Wotan setzte sich den Kleinen auf den Rücken. „Festhalten, es geht los“ Er flog mit ihm durch den Himmel, so schnelld ass der Wind seine Haare zerzauste. Und dann machte er ein Looping, sodass sie beide mit dem Kopf nach unten durch die Luft flogen. „Das war das coolste, was ich je erlebt habe.“

„Eigentlich ist es verboten, Loopings zu fliegen wenn Kinder auf meinem Rücken sitzen. Ich wusste, dass Dir nichts geschehen kann – und daher habe ich diese Ausnahme für Dich gemacht. Aber verrat es nicht, das wird unser kleines Geheimnis bleiben.“ Wotan zwinkerte dem Jungen verschmitzt zu. Sie umarmten sich zum Abschied.

„Danke, Wotan, für diese schöne Reise. Ich denke, ich habe es ganz gut erwischt. Mein Papa liebt mich sehr. Und meine Mama auch. Das heißt ich habe viel, was andere nicht haben. Wir werden das schon schaffen. Ich werde das schaffen.“ Und dann war Emil wieder in seinem Bett, wo er tief, fest und friedlich schlief.

Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte sich nichts geändert. Seine Eltern würden sich immer noch trennen. Sie hatten sich nicht mehr lieb. Und doch war alles anders. Er war größer, stärker – und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte er glauben, dass alles gut werden würde. So oder so.